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Nordwärts – zu Fuß von Oberstdorf nach Sylt Tag 53
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Tag 53 – Rade bei Buchholz nach Hamburg
Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es um halb neun los. Ich will so viel Strecke wie möglich machen, bis der Regen, der für 10 Uhr vorhergesagt ist, eintrifft. Also fix. Der Weg führt 50 Meter nördlich des Hotels in einen feuchten Sandweg Richtung Osten und in den Wald hinein. Doof, im Wald sehe ich den Himmel nicht. Wird schon, denke ich. Ich habe, wie immer, meine Regenjacke noch nicht an. Man soll es ja nicht beschreien, und bislang bin ich mit der Taktik gut gefahren. Nur heute habe ich meine Geheimwaffe, den Regenschirm, auch nicht ganz unten im Rucksack.
Kaum habe ich nach wenigen hundert Metern den Waldrand erreicht, regnet es. Zu früh, fluche ich leise in mich hinein. An der ersten Bank kommt die Regenjacke raus, entscheide ich. Im Wald scheint der Regen aufzuhören. Doch was ist das? Ein Schild mit dem Hinweis: „Achtung, Wolf-Streifgebiet. Hunde anleinen. Kinder beaufsichtigen“ wird geraten. Ich bin kein Kind, habe keinen Hund dabei, und in der Heide habe ich gelernt, wie man Wölfe verjagt. Zumindest theoretisch. Weiter. Bank. Regenjacke an. Den Regenschirm raus und sofort aufgespannt. „Einmal nass, immer nass“, rufe ich mir eine alte Binsenweisheit in Erinnerung. Unbeirrt setze ich meinen Weg im stärker werdenden Regen fort. Ist ja der letzte Tag, grinse ich in mich hinein. Was soll's, ich bin ja nicht aus Zucker.
Da es die halbe Nacht geregnet hat, sind die unbefestigten Wanderwege nass oder matschig. Teilweise gibt es dort, wo Radfahrer Kuhlen hinterlassen haben, große Pfützen. Die vielen tief herabhängenden Äste und die hoch gewachsenen Gräser sind alle nass. Ich habe zwar Gamaschen dabei, bin aber zu faul, sie anzuziehen. Bald sind meine Schuhe schlammig und die Hosenbeine bis zum Knie patschnass.
Nach einer knappen Stunde erreiche ich eine Bushaltestelle an einer Straße. Leider gibt es kein Wartehäuschen, in dem ich mich unterstellen könnte. Also weiter. Rüber über die Straße und steil hinauf Richtung Karlstein, den ich zehn Minuten später erreiche. Der Legende nach hat Karl der Große den großen Granitblock mit seinem Schwert nach einem Gefecht gegen die unbändigen heidnischen Sachsen mit einem Hieb fast durchschlagen. Wer's glaubt, wird selig. Aber ob er auch in den Himmel kommt?
Nun kommt die Entscheidung des Tages: alpinistische Höchstleistung und bei widrigen Bedingungen den höchsten Berg Hamburgs erklimmen oder den kürzeren Weg ohne Gipfelerfolg durch die Fischbeker Heide zum Hamburger S-Bahngürtel? Wie entscheide ich wohl? Klar, ich ersteige den Hasselbrack mit 116,2 Metern Meereshöhe durch die steile Nordflanke.
Also weiter nach Nordosten. Nach einer dreiviertel Stunde strammen Fußmarschs – es regnet noch immer mit wechselnder Intensität – erreiche ich den Weg, der ostwärts zum Hasselbrack führt. Ich bin ein wenig irritiert, geht der Weg doch abwärts, und Gipfel sollten eigentlich immer der höchste Punkt sein, oder? Das verträgt sich irgendwie nicht, kommt mir in den Sinn. Egal, weiter. Wer zu lange zögert, wird nur unnötig nass.
Der Weg wird breiter und zu einem Fahrweg. Gut, Hamburg war immer eine reiche Stadt, aber ich habe die Landesgrenze zu Niedersachsen noch nicht überschritten, wie mir das GPS unmissverständlich anzeigt. Irgendwo hier muss ich links ab und dann steil die Nordseite des Bergs hoch. So stelle ich mir das wenigstens vor.
Ein schmaler Pfad führt links in den Wald. Den nehme ich, entschließe ich. Der Weg ist matschig und fast zugewuchert, aber noch nasser kann meine Hose auch nicht werden. Ich sollte halt nicht ausrutschen und hinfallen, sonst wird die Bahnfahrt heute Nachmittag lustig. Ich nehme es vorweg: Ich rutsche zwar ab und an, falle aber nicht hin.
An einer Wegspinne mit Beschilderung gehen gleich sechs Wege ab. Kein Schild deutet auf Hamburgs Höchsten hin. Ich bin irritiert, wähle aber einfach den Weg mit dem steilsten Aufstieg. Keine fünf Minuten später erreiche ich einen knapp anderthalb Meter hohen Granitklotz mit der Aufschrift „Hasselbrack, 116,2 Meter ü. NN“. Bin ich nun schon oben? Nein, denn noch fehlen anderthalb Meter zum höchsten natürlichen Punkt Hamburgs.
Also die Schuhe an einem Baum vom Matsch befreit, den Regenschirm zusammengeklappt, einmal auf Reibung antreten, anschließend ein dynamischer Zug, und dann bin ich auch schon oben. Ich stehe auf 116,2 plus ca. 1,5 Meter ü. NN. Ein erhabenes Gefühl.
Der Rest ist leicht. Ich nehme einfach immer den Weg, der abwärts geht, passiere einen alten Grenzstein, der noch immer die Grenze zwischen Hamburg und jetzt Niedersachsen markiert, und erreiche irgendwann die Fischbeker Heide. Diese durchwandere ich bei nachlassendem Regen und stehe kurz nach 13 Uhr am Startpunkt des Heidschnuckenwegs an einem Wanderparkplatz in Hamburg.
Ich muss noch anderthalb Kilometer durch Neugraben-Fischbek zum S-Bahnhof gehen. Ich habe Hunger, aber leider gibt's auf dem Weg zur S-Bahn nix zu essen. Die Bahn verkehrt alle zehn Minuten bis HH-Harburg, wo mein ICE kurz nach 17 Uhr abfährt. Der Harburger Bahnhof ist kulinarisch nicht der Bringer, und so fahre ich mit dem RE nach Bremen, wo ich in Bahnhofsnähe eine kleine Kneipe mit ordentlicher Küche kenne. Mein ICE fährt ohnehin über Bremen – was soll's?
Heute bin ich in knapp dreieinhalb Stunden reiner Gehzeit und knapp 19 Kilometern Strecke mit insgesamt 250 Höhenmetern Anstieg samt Besteigung Hamburgs höchsten Gipfels am Zwischenziel Hamburg angekommen. So langsam komme ich meinem Ziel, der Ellenbogenspitze auf Sylt, immer näher.
Nordwärts – zu Fuß von Oberstdorf nach Sylt Tag 52
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Tag 52 – Holm-Seppensen nach Rade bei Buchholz
Nach einem ausgiebigen Frühstück spaziere ich gemütlich zum Bahnhof in Schneverdingen. Der Zug aus Bremen hat Verspätung. Egal. Gegen halb elf steige ich in Holm-Seppensen aus. Ich habe eine Unterkunft in Rade nordwestlich von Buchholz gebucht. Mein ICE fährt übermorgen ab 17 Uhr in Harburg ab.
Die Anfangsetappe von Hamburg-Fischbek nach Buchholz ist mit 26,5 Kilometern und 6,5 Stunden Gehzeit angegeben. Gut, bei meinem Tempo vielleicht gut fünf Stunden. Aber rechnet man die 1,5 Kilometer vom Bahnhof in Fischbek und die 20-minütige Fahrzeit der S-Bahn von Fischbek nach Harburg samt Umsteigen und dem möglichen Verpassen der S-Bahn mit 15 Minuten hinzu, bin ich froh, den Weg verkürzen zu können. Also gut sechs Stunden unterwegs.
Man kommt auf dem Heidschnuckenweg zwar durch Heideflächen, aber davon habe ich die letzten Tage genug gesehen. Dazu ist die Wettervorhersage für morgen ab 10 Uhr vormittags mit Regen bis 13 Uhr und ab 15 Uhr wieder eher kritisch. Obwohl, bislang habe ich ja Glück gehabt. Ich bin nie wirklich nass geworden. Ich will die letzte Etappe so kurz wie möglich halten. Aber den Karlstein will ich unbedingt sehen.
Der Weg führt mich nordwärts über den Bahnübergang und an der Bahnlinie entlang in Richtung Ortsteil Seppensen. Der Weg besteht nach Verlassen des Ortes aus einer sandigen Pfadspur. Ich erinnere mich noch, dass ich, um nach Seppensen zu kommen, wieder die Bahn queren muss. Am ersten Übergang zögere ich kurz. Ein Blick aufs Handy hilft. Hier noch nicht. Also noch 400 Meter weiter und dann über die Bahn und ab nach Seppensen. Ich fotografiere das Ortsschild. Gefällt mir der Name doch so.
Durch Seppensen durch, und dann ist Buchholz in der Nordheide nicht mehr weit. Die Wolken werden dunkler, und als ich die Überführung über die Bahn am Bahnhof in Buchholz erreiche, fängt es tatsächlich an zu regnen. Zum Glück nur leicht, und so setze ich unbeirrt meinen Weg durch Buchholz fort.
Buchholz’ Innenstadt ist nicht unbedingt einen Besuch wert, so mache ich mich weiter durch den Stadtpark, der praktischerweise unmittelbar an den Friedhof, die Schützenhalle und das Krankenhaus angrenzt, auf den Weg nach Nordwesten. Glücklicherweise hört am Schützenhaus der Regen auch wieder auf.
Im Stadtpark und dem anschließenden kleinen Waldstück werden die Wege zahlreich und unübersichtlich. Ich finde das Heidschnuckenweg-„H“ wieder, muss aber höllisch aufpassen, bei der Vielzahl von Abzweigungen nicht die richtige zu verpassen. Eine kleine Holzbrücke über einen Bach wird überquert. Und wenig später bin ich aus Buchholz und seinem Stadtpark raus.
Es schließt sich eine Kleingartenanlage an, und bald darauf muss ich die B75 in einem Wohngebiet überqueren. Immer grob Richtung Norden, durch Felder, Heidestücke und kleinere Waldstücke, meist auf unbefestigten Wegen, geht es weiter.
Vor der Unterquerung der A1 „verlaufe“ ich mich. Ich folge dem Schild zu einer Aussichtsbank nach rechts. Die Bank finde ich zwar, aber die Aussicht ist irgendwie abhandengekommen. Hat sich nicht gelohnt, der Umweg.
Ich biege erneut scharf links ab und komme so wenig später wieder zum weißen „H“. Wieder rechts, und ich bin auf dem richtigen Weg. Einen knappen Kilometer trennt sich mein Weiterweg vom Heidschnuckenweg. Der führt nach Nordosten, während ich nach Rade nach Nordwesten abbiege. Auf unbefestigten Waldwegen erreiche ich die B3, und 500 Meter weiter taucht auch schon mein kleines Hotel auf, das mir für heute Obdach gewährt.
Rade selbst ist keinen Besuch wert. Ein paar Häuser und Bauernhöfe an der B3. Ein typisches Straßendorf eben, ist mein erster Eindruck. Aber mein Zimmer ist hinten raus, das Zimmer ordentlich und die Küche gut.
Nach einer Dusche – es ist noch zu früh für Abendessen – mache ich mich auf, das Dorf zu erkunden. Meine Erkundung ist schnell zu Ende, denn es setzt leichter Regen ein, und nass will ich nicht werden.
Heute bin ich in knapp dreieinhalb Stunden reiner Gehzeit und knapp 18 Kilometern Strecke mit insgesamt 100 Höhenmetern Anstieg samt Gipfelerfolg dem Zwischenziel Hamburg wieder nähergekommen. Morgen bin ich in Hamburg und sitze um diese Zeit im ICE, fällt mir beim Abendessen ein.
Nordwärts – zu Fuß von Oberstdorf nach Sylt Tag 51
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Tag 51 – Undeloh-Wesel nach Holm-Seppensen
Besser ein ordentliches Frühstück, als hungrig loszugehen. Zumal ich gestern Abend ja kein Abendessen hatte. So gegen 10 Uhr komme ich los. Der Wetterbericht hat gegen Nachmittag Regen angekündigt. Aber es sollen nur etwa 18 Kilometer Wegstrecke sein. Diese sollten in gut vier Stunden, Pausen inkludiert, machbar sein. Außerdem wollte ich dem Heidschnuckenweg weitestgehend folgen, sodass kaum Zeit für die Wegfindung benötigt werden wird.
Die Straße nach Wehlen führt mich südwestwärts aus Wesel in Richtung Wehlen. Die Teerstraße hört bald auf und es folgt ein mit groben Kieseln gepflasterter Weg, der an einzelnen Bauern- und Reiterhöfen vorbei nach Wehlen führt. Zuerst wandere ich durch Felder und schließlich erreiche ich die Wehlener Heide, bevor ich im Wald verschwinde. Kurz vor dem Ortseingang Wehlen hängen an einem Wegweiser leere Flaschen und unmittelbar daneben steht ein blecherner Waschzuber. Ich bin neugierig, was es damit auf sich hat. Allerdings schaue ich an der Wegspinne zuerst einmal auf den Wegweiser. Wäre ich doch hier intuitiv nach Inzmühlen nordwärts abgebogen, muss aber noch ein paar Schritte westwärts.
Im Waschzuber liegen Flaschen in kühlem Wasser. Bier – auch alkoholfreies –, Wasser sowie diverse Softgetränke liegen hier für den durstigen Wanderer bereit. Ein Kästchen – wie auf den Blumenfeldern hier – steht hinter dem Zuber. Auch an ein Behältnis für leere Flaschen ist gedacht. Tolle Idee. Durst habe ich leider noch keinen, sonst hätte ich mir ein Fläschchen gegönnt.
In Wehlen, knapp 300 Meter weiter, muss ich nun endlich wieder nach Norden abbiegen, wie ein Schild nach Handeloh mit 8,0 Kilometern zeigt. Ich folge der unscheinbaren Seeve flussabwärts. Der Weg ist ein naturbelassener Pfad am linken Ufer. Irgendwann komme ich an einer der vielen Schutzhütten vorbei. Allerdings mache ich keine Pause, bin ich doch erst eine gute Stunde unterwegs und es ist noch kühl, da der Himmel bewölkt ist. Am Ufer stehen teilweise mächtige, weit ausladende Eichen. Ein zweiter Unterstand und wenig später komme ich an einen Rastplatz mit Tischen und Bänken. Zuerst bin ich überrascht, da dort, als ich aus dem Wald trete, ein dunkler Widder auf dem Tisch zu sitzen scheint. Aber er ist nur aus Holz. Kein Grund, sich zu fürchten.
Wenig später bin ich an einer eingleisigen Bahnlinie, der ich nordwärts bis nach Handeloh folge. Ein Zug kommt mir in dieser Zeit weder entgegen noch braust er an mir vorbei. Ich passiere den Bahnhof und denke mir, dass im Ort ein Café nicht verkehrt wäre. Leider finde ich keines, das offen hat, sodass ich beim lokalen Kaufmann, „Herrn Rewe“, einen Espresso nehme und mir Vitamine besorge. Ich folge der Hauptstraße ein Stück und biege in die Alte Dorfstraße ab. An einer Bank unter Bäumen mache ich Pause und führe meinem Körper die Vitamine zu.
Kaum habe ich mich nordwärts an der Feuerwehr vorbei aufgemacht, als mir eine Kindergartengruppe entgegenkommt. Alle Kinder tragen Eimerchen oder Körbe mit sich. Ich frage, was sie denn so gesammelt haben. Tannen- und Kiefernzapfen, Rinde und Äste sowie einen Pilz, aus dem sie Sachen basteln wollen, wird mir freudig erklärt. Scheint ihnen Spaß gemacht zu haben, draußen herumzustreunern.
Nun muss ich mich langsam entscheiden, will ich doch per Bahn nach Scheveningen zurück, da ich dort noch Quartier habe. Daher ist mein Rucksack auch leicht. Es sind nur Regenschutz und ein Liter Getränke drin. Wörne oder Holm-Seppensen, aber auf jeden Fall will ich am Pferdskopf (78 m) vorbei. Gut, dann wird es Holm-Seppensen mit seinem Bahnhof.
Das Wegenetz Richtung Pferdskopf wird enger. Und wie erwartet, der Wanderverkehr stärker. Ich komme durch das Büsenbachtal, eines der ältesten Schutzgebiete in der Heide, und erreiche wenig später den Pferdskopf, der einem Pferd oder dessen Kopf überhaupt nicht ähnelt. Zum „Gipfel“ muss ich vielleicht zwanzig Meter steil den Hang hinauf. Am höchsten Punkt ist ganz schön Trubel. Eine Schulklasse aus Hamburg macht ordentlich Rummel. Irgendwann ist es den Begleitern wohl zu viel und es ertönt eine Trillerpfeife mit dem Ruf: „Alle herkommen und einen Kreis bilden.“
Ich bin überrascht, wie gut das funktioniert. In wenigen Augenblicken sind alle da und bilden einen Kreis. Ob des Trubels mache ich mich schnell wieder auf und erreiche durch eine Wochenendhaussiedlung den Weg nach Holm. Vor Holm komme ich wieder an die Bahnlinie, die ich durch den Zwergentunnel – dieser ist lediglich 1,30 m hoch – unterquere. Aber mit Unterführungen dieser Art habe ich ja schon Erfahrung. Nur ist dieser besser vermauert und hat weniger Spinnweben als der beim letzten Mal. Wahrscheinlich wird er von den Schulkindern auf ihrem Weg zur Schule häufiger genutzt als der auf dem freien Feld.
Nun sind es noch wenige hundert Meter ostwärts entlang der Bahnlinie zum Bahnhof. Ich checke den Fahrplan und stelle fest, dass ich den Zug knapp verpassen werde, da er in fünf Minuten planmäßig fährt.
Egal, im Ort gibt es das Café „Köstlich“. Da kann ich bei einem Espresso und bestimmt einem leckeren Kuchen die Wartezeit vergnüglich verkürzen. Hoffe ich allerdings vergeblich, da das „Köstlich“ erst um 15 Uhr öffnet und ich die 14:05-Uhr-Bahn verpasst habe. Aber das „Eiscafé Carmellini“ bietet mir neben einem Espresso auch noch einen Eisbecher an. Ich vergesse ob des guten Eisbechers fast die Zeit und kurz vor drei Uhr springe ich auf und eile zum Bahnhof.
Ich bin noch pünktlich, aber die Bahn nicht. Sie hat 20 Minuten Verspätung, da der Gegenzug noch nicht durch ist. Egal, ich hole und ich bringe nichts. Dafür treffe ich Sebastian, einen polnischen Landschaftsgärtner, mit einem Sixpack Bier unter dem Arm. Es kommt, wie es kommen muss. Wir kommen ins Quatschen, obwohl sein Deutsch kaum besser als mein Polnisch ist. Wir kommen überein, dass wir noch schnell zusammen ein Bier trinken, da er Feierabend hat. Bis sein Zug nach Buchholz in zehn Minuten kommt, hat jeder seine Flasche leer.
Angetrunken und etwas für die deutsch-polnische Völkerverständigung getan – was will man mehr zum Abschluss des Wandertages?
Heute bin ich in dreieinhalb Stunden reiner Gehzeit und gut 17 Kilometern Strecke mit insgesamt 170 Höhenmetern Anstieg samt einem kleinen Gipfelerfolg dem Zwischenziel Hamburg wieder nähergekommen. Morgen noch von Holm-Seppensen – schöner Name – durch Buchholz und übermorgen bin ich in Hamburg. Das fällt mir auf der Bahnfahrt ein.
Nordwärts – zu Fuß von Oberstdorf nach Sylt Tag 50
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Tag 50 – Oberhaverbeck nach Undeloh-Wesel
Ich wollte das Haus schon verlassen, als ich kurz nach halb acht Geräusche aus dem Frühstücksraum wahrnehme. Nein, ab halb acht gibt es Frühstück, und ich könne gegen Entgelt natürlich daran teilnehmen. Der Wetterbericht sagt zwischen 14 und 15 Uhr einsetzenden Regen voraus. Muss ich halt ein wenig schneller gehen, ist meine Abwägung „Hunger oder nass?“ schnell erledigt. Schön, denke ich und tue das.
Die paar Schritte zum Heidschnuckenweg sind im Nu erledigt. Ich wende mich wieder nordostwärts dem Wilseder Berg, mit 169 m die höchste Erhebung der Lüneburger Heide, zu. Bei schönem Wetter hat man vom Berg einen Blick bis zu den Hamburger Hochhäusern. Leider habe ich keine gute Sicht, sodass das ausfallen muss. Vielleicht erklärt das auch, dass ich bis auf eine Gassigeherin allein am Wilseder Berg bin. Hier steht in der Nähe auch eine reetgedeckte Unterstandshütte. Kurz danach kommt das „Museumsdorf“ Wilsede mit dem Heidemuseum. Leider öffnet das dortige Café erst um 10 Uhr, und ich habe keine Lust, eine halbe Stunde auf einen Espresso zu warten. Nachdem ich das Dorf verlassen habe, passiere ich 15 Minuten später „Hannibals Grab“, ein Wacholdergebüsch, das im Aussehen dem Grab Hannibals ähneln soll. Woher man das weiß – haben die Römer doch in Karthago keinen Stein auf dem anderen gelassen –, frage ich mich im Weitergehen.
Wenig später, beim Denkmal für Alfred Wietjes, einen bekannten Heidewanderer der Wandervogelzeit, knickt der Weg um 90° nach Nordwesten, immer Undeloh zu, ab. Durch die Heide am Radenbach entlang komme ich nach Undeloh. Doch zuvor, nach einem kritischen Blick zum Himmel, mache ich auf einer der zahlreichen Bänke eine kleine Pause, um etwas zu trinken. Mein Handy pingt. Meine Unterkunft im Ortsteil Wesel teilt mit, es gebe heute Abend keine Küche. Gut, weiß ich das wenigstens. Die Anzahl der Spaziergänger nimmt rasant zu. Hatte ich auf den anderen Etappen vielleicht zehn oder maximal 15 Menschen getroffen, wenn man vom Lönsdenkmal absieht, kommt mir hier alle knapp 100 Meter jemand entgegen. Dachte ich bislang, Bispingen sei das touristische Epizentrum des Heidetourismus, wurde ich nun eines Besseren belehrt. Busparkplätze, unzählige Souvenirstände und Restaurationsbetriebe füllen den Ort. Die Anzahl der Gasthäuser hat auch einen Vorteil. Die Vielzahl der Kutschen, die für Heiderundfahrten zu mieten sind, scheinen Legende.
Aber die Vielzahl der Gasthäuser hat auch etwas Gutes. Zumal der Kirchturm gerade zwölf schlägt. Es dürfte doch auf der Karte sicher Heidschnuckenbraten geben? Bis Wesel sind es noch gut anderthalb Stunden Gehzeit, schätze ich. Weniger, wenn ich schneller gehe. Und keine Pause mehr mache. Ein Blick zum Himmel. Hält noch eine Weile, bin ich mir sicher. Also auf die Suche nach Schnuckenbraten gemacht. Was Warmes braucht der Mensch. Das Heidschnuckengulasch mit Salzkartoffeln und Apfelrotkraut war wirklich gut. So gestärkt mache ich mich kurz vor 13 Uhr auf den Weiterweg.
An einer Weide für Dülmener Pferde und eine rückgezüchtete Rinderart, die den Auerochsen ähneln soll, gehe ich nordwestwärts durch die Heide. Leider entdecke ich weder die Pferde noch die Rinder. Offenbar haben die keine Lust, mit mir in Kontakt zu treten. Um kurz vor halb drei bin ich in Wesel. Der Weg zur Pension ist schnell gefunden.
Nach einer Dusche mache ich mich auf, um etwas zu essen aufzutreiben. In Wesel gibt es zwar zwei Gasthöfe, einer hat dauerhaft geschlossen und der andere, in dem ich Quartier habe, hat Ruhetag. Was nun? Zum Glück habe ich vorher meine Portion komplett aufgegessen und bekomme morgen Frühstück, sinniere ich über mein Pech nach, als ich das Schild „Snackautomat“ entdecke. Hierbei habe ich auch gleich den morgigen Weiterweg entdeckt. Leider gibt es im Snackautomaten wirklich nur Snacks und kein Brot, Wurst oder Käse. Also müssen ein Snickers und eine kleine Tüte Chips für heute reichen. So bin ich heute früh im Quartier und lege mich halbwegs hungrig hin.
Heute bin ich in dreieinhalb Stunden reiner Gehzeit und fast 20 Kilometer Strecke mit insgesamt 170 Höhenmetern Anstieg samt einem kleinen Gipfelerfolg dem Zwischenziel Hamburg wieder nähergekommen.
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