Tag 49 – Bispingen nach Oberhaverbeck
Noch vor dem Packen prüfe ich den Wetterbericht, der seit Soltau eigentlich jeden Tag Regen vorhersagt. Der Blick aus dem Fenster zeigt jedoch trockene Straßen. Leider hatte ich kein Frühstück mitgebucht. Aber im Ort gibt es einen EDEKA mit einem Bäckercafé, das auch noch fast auf dem Weg liegt. Also: EDEKA gleich zu Beginn. Preislich macht es keinen Unterschied, im Café oder in der Pension zu frühstücken. Es sei denn, man legt Wert auf Rührei mit Speck. Ohnehin hatte ich heute erneut vor, dem Heidschnuckenweg weitestgehend zu folgen. Hier ist auch ein guter Platz, um die Wettervorhersage zu prüfen.
Nordöstlich verlasse ich Bispingen, vorbei an meiner mich vor dem Regen schützenden Eisdiele. Kurz hinter dem Ort erreiche ich einen Schafpferch und lerne etwas über Schafe: Es gibt nicht nur Heid-, sondern auch Moorschnucken. Die sind im Gegensatz zu den Heidschnucken eher mit heller Wolle ausgestattet und haben breitere Klauen. Wenig später passiere ich gerade einen der zahlreichen Reiterhöfe, da kommt mir eine Horde Kinder entgegen. Alle lachen, und wir machen Faxen, als wir aneinander vorbeigehen. Es ist der Waldkindergarten von Bispingen auf einem Wanderausflug.
Kurz vor Hürzel kommt die typische Heidebahnlinie. Zuerst folge ich ihr, und dann quere ich sie im Ort. Irgendwie scheint hier die Bahnwelt in Ordnung. Zumindest gibt es genug Schienen. Ich dachte immer, in dicht besiedelten Gegenden wäre das Netz enger. In Hürzel ändert sich die Wanderrichtung wieder um 90°. Es geht nordwestlich durch die hügelige Borstler Schweiz mit ihren „tief“ eingeschnittenen Tälern. Hier würden die Täler eher Gräben heißen. Es sind wunderbare Aussichten über die Gräben, deren Seiten voll blühender Erika sind. Leider verbuscht die Heide hier auch zunehmend. Junge Eichen, Kiefern, Birken und hier auch Wacholder werden mehr und verdrängen die typische Heidevegetation. Bemerkenswert ist, dass das Ortsschild von Borstel in der Kuhle hier offiziell zweisprachig (deutsch und plattdeutsch) ist.
Es gibt Gründe, dass ich in Borstel nach einem gastronomischen Angebot Ausschau halte. Leider finde ich keines, sodass ich zügig durch den Ort komme. Bald schon erreiche ich, einem schmalen Pfad entlang der Brunau aufwärts folgend, die andere Konstante meiner Heidewanderung: die A7. Ich quere die Autobahn auf einer breiten Teerstraße. Wenig später wird mir klar, weshalb die Straße so breit ist. Sie ist der Zubringer zur dringend benötigten Autobahnraststätte, deren Infrastruktur ich gerne annehme. Einen dampfenden Cappuccino gibt’s obendrauf. Zwei riesige Windradflügel stehen auf dem Parkplatz. Die Dinger sind so groß, dass ich sie nicht sinnvoll fotografieren kann. Bemerkenswert. Ich möchte den Sondertransport nicht fahren wollen.
Wenig später erreiche ich noch vor Behingen den Braunsee mit Ausflugslokal und Anglern am Ufer. Der Weg führt am Nordufer entlang, das von hohen Buchen gesäumt wird, deren Kronen weit in den See hineinragen. Durchs Brauntal mit der schon bessere Zeiten gesehen habenden „Zur grünen Eiche“ erreiche ich das quirlige Behingen. Hier ist knapp die Hälfte geschafft. Kurze Pause auf einer Parkbank in Behingen und den Weiterweg prüfen. Es tut sich keine sinnvolle Alternative zu den nächsten beiden Kilometern auf. Ein kurzes Stück muss ich der Landstraße folgen. Aber zuvor darf ich durch die Behinger Heide spazieren. Mitten im August ist hier alles in einen lila Grundton getaucht.
Den Hengstberg lasse ich links liegen, verlasse aber den an der Straße verlaufenden Radweg nach Nordwesten und suche den Weg zu Bockelmanns Schafstall. Hier weiche ich vom Weg ab. Ich folge nicht dem geteerten Weg, sondern nehme einen Feldweg an der Heide entlang, durch die Felder bis zum Waldrand. Hier scheint der Weg wieder einmal zu enden, und eine Pfadspur führt am Waldrand entlang schlussendlich zum Schafstall. Immer dem Waldrand folgend, erreiche ich kurz vor Oberhaverbeck wieder den Heidschnuckenweg.
Beide Haverbecks sind touristisch erschlossen. Ich habe Quartier einen guten Kilometer nordöstlich von Oberhaverbeck und kann erst ab 15 Uhr einchecken. Die Wolken sehen auch nicht bedrohlich aus. So habe ich noch Zeit, in aller Ruhe durch den Ort zu spazieren und zusammen mit einigen anderen Wanderern die direkte Nordwestwand des Turmbergs (135 m) zu erklimmen. Oben stehen Bänke, und man hat einen schönen Blick über die Heidelandschaft zu seinen Füßen. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass ich noch Zeit habe. Noch immer ist kein Regen in Sicht, und so entschließe ich mich, eine Überschreitung des Gipfels zu machen und wähle den Südabstieg, der tatsächlich steiler zu sein scheint.
Auf dem Weg in den Ort piepst mein Handy und schickt mir den Zugangscode für die Pension. Also los zum Quartier. Liegt günstig, denke ich, da sie fast direkt am Heidschnuckenweg liegt. Aber es gibt keinen Handyempfang.
Ich habe Hunger, aber im Haus gibt es nichts zu essen. Ich muss für morgen unbedingt Frühstück buchen. Also in den Ort. Das komplette gastronomische Angebot ist auf Tagestouristen ausgerichtet, sodass die Küche überall um 14 oder spätestens um 14:30 Uhr schließt. So muss ich mich mit einer schönen Tasse Tee und einem großen Käsekuchen als Mittag- und Abendessen begnügen.
Auf dem Weg zur Pension, einem alten Kurhotel aus den 1910er-Jahren, türmen sich dunkle Wolken auf, und ich beschleunige meinen Schritt. Trocken erreiche ich meine Unterkunft.
Kein Fernseher, kein Internet, nichts zu lesen dabei. Also mache ich ein Regenerationsnickerchen. Später möchte ich in den schönen Aufenthaltsraum gehen, entscheide ich mich. Ein Regennickerchen war es tatsächlich: Es regnet jetzt tatsächlich stark, wie die neu ankommenden Gäste in voller Regenbekleidung – Ponchos und Regenhosen – beweisen, die total nass sind, als ich mich ins Kaminzimmer begebe. Vieles richtig gemacht. Zumindest für heute. Gutes Timing, lache ich in mich hinein.
Heute bin ich in dreieinhalb Stunden reiner Gehzeit und fast 18 Kilometern Strecke mit insgesamt 200 Höhenmetern Anstieg samt einem kleinen Gipfelerfolg dem Zwischenziel Hamburg wieder ein Stück nähergekommen.