Tag 45 – Neu-Lutterloh nach Faßberg
Nach einem guten Frühstück, bei dem ich mit Soldaten der Bundeswehr, die in der gleichen Pension untergebracht waren, ins Gespräch gekommen war und meine Vermutung über das Artillerieschießen bestätigt wurde, machte ich mich zur Bushaltestelle am Bahnhof auf, um den Bus nach Neu-Lutterloh zu erreichen. Ich war früh dran und sah mir den Fahrplan an. Die Bürgerbuslinie 1 nach Hermannsburg hat nur acht Plätze. Hoffentlich reicht das. Wir waren schließlich zu siebt. Nach zwei Haltestellen war ich in Neu-Lutterloh. Nix wie raus aus dem Bus und den Rucksack auf. Die 500 Meter auf dem Radweg an der Landstraße entlang nach Westen gingen schnell.
An der ersten Möglichkeit ging es nach rechts und auf einem Feldweg nach Norden. Kaum war es halb neun, begann das Donnern der Kanonen wieder. Der Weg wandte sich ein wenig nach Nordwesten, und immer ging es entweder am Waldrand oder an landwirtschaftlichen Flächen vorbei. Meist ging es auf naturbelassenen Wegen oder Pfaden dahin. Manche der Wegweiser in der Heide bestehen nicht aus klassischen Wegzeichen, sondern aus Findlingen, in die die Ziele eingemeißelt sind. Findlinge liegen hier, der Eiszeit sei Dank, ja genug herum.
Nach einer guten Stunde erreichte ich einen Wanderparkplatz mit einer Schutzhütte, an der ich eine kurze Trinkpause machte. Von hier ging es immer nordwärts. In das Wummern der Artillerie mischten sich nun auch Geräusche von Strahltriebwerken. Leider konnte ich die Flieger nicht erkennen.
Mich überholte ein älterer Herr auf einem Fahrrad, das nicht viel jünger als er selbst war. Das Knallen der Ari und die Geräusche der Luftwaffe lenkten mich so ab, dass ich fast in den falschen Weg eingebogen wäre. Zumal ein Wegweiser an der Wegspinne, bei der mehrere Wege in fast die identische Richtung führten, missverständlich war. Glücklicherweise bemerkte ich meinen Irrtum nach weniger als 50 Metern und kehrte um.
Wenig später bemerkte ich nördlich von mir Rauchwolken. Zuerst machte ich mir Sorgen, ob es brennt und ich die Feuerwehr verständigen sollte. Aber dann verschwanden die Wolken wieder so schnell, wie sie gekommen waren, nur um wenig später erneut aufzutauchen. Dazu die Geräusche der Kampfflugzeuge? Offenbar übte die Luftwaffe in Bergen-Hohne oder Munster, das knapp sieben Kilometer nördlich von mir lag.
Auf einer Bank mit Blick über die Neuoher Heide traf ich den Radfahrer wieder. Wir unterhielten uns über die Aktivitäten der Bundeswehr, und das Gespräch kam auf den Krieg in der Ukraine. Hier fiel mir auf, dass die Menschen hier tatsächlich ängstlicher zu sein scheinen, vom Krieg betroffen zu werden, da hier eine Vielzahl von Bundeswehreinrichtungen bzw. kritischer Infrastruktur, wie die Munitionsfabrik von Rheinmetall in Unterlüß, auf engem Raum konzentriert sind.
Auf meinen Hinweis, dies sei schon seit den 60er-Jahren so, nickte der ältere Herr nur und erwiderte: „Ewig schießt die Artillerie in der Heide. Hoffentlich bleibt sie auf dem Schießplatz.“ Nachdenklich verabschiedeten wir uns voneinander, und ich setzte meinen Weg Richtung Faßberg fort.
Eine knappe halbe Stunde später erreichte ich einen von mehreren Gaußsteinen in der Heide. Friedrich Gauß hat im Auftrag des Königs von Hannover dessen Königreich vermessen und dafür triangulatorische Messungen vorgenommen. Dazu waren die baumlosen Hügel der Heide, auf denen man hohe Pfähle zur Anpeilung aufstellte, ideal geeignet. So hat der Göttinger Mathematikprofessor sein Wissen auch ganz praktisch anwenden dürfen. Auf den von ihm angewandten Prinzipien beruht die Landvermessung noch immer.
An der Heuselberghütte, einer reinen Schutzhütte, vorbei, erreichte ich den Wanderparkplatz „Gerdehaus“. Hier ging es über die Landstraße. Immer nordwärts ging es Faßberg zu. Die Sonne knallte nun ganz schön, sodass ich mir den Umweg über die Gerdehaus-Siedlung sparte und direkt nach Norden weiterging.
Ich hielt mich nun westwärts und kam an einen Modellflugplatz, wo ich meine letzte Wasserflasche leerte und meinen Apfel als Proviant im Schatten der Bude der Flugleitung aufzehrte. Wenig später erreichte ich die Kreisstraße, die nach Faßberg führt. An der Straße wollte ich nicht den letzten Kilometer bis zum Abzweig in den Ort hineingehen. Also versuchte ich mein Glück an einer der Abzweigungen links in Richtung Ostern. Der Bach oder kleine Fluss war zu breit, und da keine Brücke in Sicht war, hieß das ... Genau: umkehren und zurück zur Straße.
Von Osten erreichte ich bereits gegen Mittag Faßberg, wo ich im Bereich des Fliegerhorstes das Luftbrückenmuseum anschauen wollte. Leider war ich zu früh dran, da es, wie ich wusste, erst um 13 Uhr aufmacht.
Als ich ankam, standen aber ein paar Busse da, und auf dem Areal tummelte sich eine Vielzahl von Menschen. Also frohen Mutes zum Eingang, wo ich mit der Frage begrüßt wurde, ob ich einer der Ehrengäste sei. Normalerweise eine Frage, die ich liebe, und meine Antwort ist klar. Aber so, wie ich aussah – Wanderkleidung, Rucksack, verschwitzt –, wäre meine Antwort „Ja“ sicher nicht sehr glaubwürdig ausgefallen, da die Menschen auf dem Areal entweder alle Uniform, Luftwaffe oder Royal Air Force, oder zumindest Sonntagsstaat trugen. So verneinte ich und wurde auf 13 Uhr hingewiesen.
Glücklicherweise stand in der Nähe eine schattige Hütte, wo ich meine Unterkunft für heute Abend in Soltau in aller Ruhe buchen konnte.
Beim Museumsbesuch – ich durfte anlässlich des 77. Jahrestages des letzten Fluges von Faßberg nach Berlin ohne Eintritt ins Museum – lernte ich viel über die Logistik der Operation. Der Jahrestag erklärt auch die vielen Uniformierten und die Frage nach den Ehrengästen. Gut anderthalb Stunden später und mit vielen Informationen über den Ablauf der Luftbrücke reicher, deren Kosten der britische und amerikanische Steuerzahler trug, verließ ich die Gedenkstätte Richtung Innenstadt.
Dort ließ ich mich in einem Café nieder, um auf den Bürgerbus Linie 2, einen 8-Sitzer, zu warten. Dank Deutschlandticket war die Fahrt zum Bahnhof Munster kostenfrei. Der Bus füllte sich, sodass die Fahrerin unterwegs weitere Fahrgäste nicht mehr einsteigen lassen konnte. Kurz vor Munster war ich der einzige Fahrgast und erfuhr, dass der Bürgerbus von einem Verein ins Leben gerufen und betrieben wird und alle Fahrer rein ehrenamtlich tätig sind. Dies erklärt auch die 8-Sitzer.
Als Letzter stieg ich in Munster am Bahnhof aus und wurde von Gewehrfeuer vom gegenüber dem Bahnhof liegenden Truppenübungsplatz empfangen. Gefühlt ein Drittel aller Reisenden in Munster trugen Uniform. Ist Munster doch ein bedeutender Bundeswehrstandort.
Heute bin ich nach etwa drei Stunden reiner Gehzeit und nur knapp 16 Kilometern Strecke mit insgesamt 120 Höhenmetern Anstieg dem Zwischenziel Hamburg ein Stück nähergekommen.