Tag 53 – Rade bei Buchholz nach Hamburg
Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es um halb neun los. Ich will so viel Strecke wie möglich machen, bis der Regen, der für 10 Uhr vorhergesagt ist, eintrifft. Also fix. Der Weg führt 50 Meter nördlich des Hotels in einen feuchten Sandweg Richtung Osten und in den Wald hinein. Doof, im Wald sehe ich den Himmel nicht. Wird schon, denke ich. Ich habe, wie immer, meine Regenjacke noch nicht an. Man soll es ja nicht beschreien, und bislang bin ich mit der Taktik gut gefahren. Nur heute habe ich meine Geheimwaffe, den Regenschirm, auch nicht ganz unten im Rucksack.
Kaum habe ich nach wenigen hundert Metern den Waldrand erreicht, regnet es. Zu früh, fluche ich leise in mich hinein. An der ersten Bank kommt die Regenjacke raus, entscheide ich. Im Wald scheint der Regen aufzuhören. Doch was ist das? Ein Schild mit dem Hinweis: „Achtung, Wolf-Streifgebiet. Hunde anleinen. Kinder beaufsichtigen“ wird geraten. Ich bin kein Kind, habe keinen Hund dabei, und in der Heide habe ich gelernt, wie man Wölfe verjagt. Zumindest theoretisch. Weiter. Bank. Regenjacke an. Den Regenschirm raus und sofort aufgespannt. „Einmal nass, immer nass“, rufe ich mir eine alte Binsenweisheit in Erinnerung. Unbeirrt setze ich meinen Weg im stärker werdenden Regen fort. Ist ja der letzte Tag, grinse ich in mich hinein. Was soll's, ich bin ja nicht aus Zucker.
Da es die halbe Nacht geregnet hat, sind die unbefestigten Wanderwege nass oder matschig. Teilweise gibt es dort, wo Radfahrer Kuhlen hinterlassen haben, große Pfützen. Die vielen tief herabhängenden Äste und die hoch gewachsenen Gräser sind alle nass. Ich habe zwar Gamaschen dabei, bin aber zu faul, sie anzuziehen. Bald sind meine Schuhe schlammig und die Hosenbeine bis zum Knie patschnass.
Nach einer knappen Stunde erreiche ich eine Bushaltestelle an einer Straße. Leider gibt es kein Wartehäuschen, in dem ich mich unterstellen könnte. Also weiter. Rüber über die Straße und steil hinauf Richtung Karlstein, den ich zehn Minuten später erreiche. Der Legende nach hat Karl der Große den großen Granitblock mit seinem Schwert nach einem Gefecht gegen die unbändigen heidnischen Sachsen mit einem Hieb fast durchschlagen. Wer's glaubt, wird selig. Aber ob er auch in den Himmel kommt?
Nun kommt die Entscheidung des Tages: alpinistische Höchstleistung und bei widrigen Bedingungen den höchsten Berg Hamburgs erklimmen oder den kürzeren Weg ohne Gipfelerfolg durch die Fischbeker Heide zum Hamburger S-Bahngürtel? Wie entscheide ich wohl? Klar, ich ersteige den Hasselbrack mit 116,2 Metern Meereshöhe durch die steile Nordflanke.
Also weiter nach Nordosten. Nach einer dreiviertel Stunde strammen Fußmarschs – es regnet noch immer mit wechselnder Intensität – erreiche ich den Weg, der ostwärts zum Hasselbrack führt. Ich bin ein wenig irritiert, geht der Weg doch abwärts, und Gipfel sollten eigentlich immer der höchste Punkt sein, oder? Das verträgt sich irgendwie nicht, kommt mir in den Sinn. Egal, weiter. Wer zu lange zögert, wird nur unnötig nass.
Der Weg wird breiter und zu einem Fahrweg. Gut, Hamburg war immer eine reiche Stadt, aber ich habe die Landesgrenze zu Niedersachsen noch nicht überschritten, wie mir das GPS unmissverständlich anzeigt. Irgendwo hier muss ich links ab und dann steil die Nordseite des Bergs hoch. So stelle ich mir das wenigstens vor.
Ein schmaler Pfad führt links in den Wald. Den nehme ich, entschließe ich. Der Weg ist matschig und fast zugewuchert, aber noch nasser kann meine Hose auch nicht werden. Ich sollte halt nicht ausrutschen und hinfallen, sonst wird die Bahnfahrt heute Nachmittag lustig. Ich nehme es vorweg: Ich rutsche zwar ab und an, falle aber nicht hin.
An einer Wegspinne mit Beschilderung gehen gleich sechs Wege ab. Kein Schild deutet auf Hamburgs Höchsten hin. Ich bin irritiert, wähle aber einfach den Weg mit dem steilsten Aufstieg. Keine fünf Minuten später erreiche ich einen knapp anderthalb Meter hohen Granitklotz mit der Aufschrift „Hasselbrack, 116,2 Meter ü. NN“. Bin ich nun schon oben? Nein, denn noch fehlen anderthalb Meter zum höchsten natürlichen Punkt Hamburgs.
Also die Schuhe an einem Baum vom Matsch befreit, den Regenschirm zusammengeklappt, einmal auf Reibung antreten, anschließend ein dynamischer Zug, und dann bin ich auch schon oben. Ich stehe auf 116,2 plus ca. 1,5 Meter ü. NN. Ein erhabenes Gefühl.
Der Rest ist leicht. Ich nehme einfach immer den Weg, der abwärts geht, passiere einen alten Grenzstein, der noch immer die Grenze zwischen Hamburg und jetzt Niedersachsen markiert, und erreiche irgendwann die Fischbeker Heide. Diese durchwandere ich bei nachlassendem Regen und stehe kurz nach 13 Uhr am Startpunkt des Heidschnuckenwegs an einem Wanderparkplatz in Hamburg.
Ich muss noch anderthalb Kilometer durch Neugraben-Fischbek zum S-Bahnhof gehen. Ich habe Hunger, aber leider gibt's auf dem Weg zur S-Bahn nix zu essen. Die Bahn verkehrt alle zehn Minuten bis HH-Harburg, wo mein ICE kurz nach 17 Uhr abfährt. Der Harburger Bahnhof ist kulinarisch nicht der Bringer, und so fahre ich mit dem RE nach Bremen, wo ich in Bahnhofsnähe eine kleine Kneipe mit ordentlicher Küche kenne. Mein ICE fährt ohnehin über Bremen – was soll's?
Heute bin ich in knapp dreieinhalb Stunden reiner Gehzeit und knapp 19 Kilometern Strecke mit insgesamt 250 Höhenmetern Anstieg samt Besteigung Hamburgs höchsten Gipfels am Zwischenziel Hamburg angekommen. So langsam komme ich meinem Ziel, der Ellenbogenspitze auf Sylt, immer näher.