Tag 50 – Oberhaverbeck nach Undeloh-Wesel
Ich wollte das Haus schon verlassen, als ich kurz nach halb acht Geräusche aus dem Frühstücksraum wahrnehme. Nein, ab halb acht gibt es Frühstück, und ich könne gegen Entgelt natürlich daran teilnehmen. Der Wetterbericht sagt zwischen 14 und 15 Uhr einsetzenden Regen voraus. Muss ich halt ein wenig schneller gehen, ist meine Abwägung „Hunger oder nass?“ schnell erledigt. Schön, denke ich und tue das.
Die paar Schritte zum Heidschnuckenweg sind im Nu erledigt. Ich wende mich wieder nordostwärts dem Wilseder Berg, mit 169 m die höchste Erhebung der Lüneburger Heide, zu. Bei schönem Wetter hat man vom Berg einen Blick bis zu den Hamburger Hochhäusern. Leider habe ich keine gute Sicht, sodass das ausfallen muss. Vielleicht erklärt das auch, dass ich bis auf eine Gassigeherin allein am Wilseder Berg bin. Hier steht in der Nähe auch eine reetgedeckte Unterstandshütte. Kurz danach kommt das „Museumsdorf“ Wilsede mit dem Heidemuseum. Leider öffnet das dortige Café erst um 10 Uhr, und ich habe keine Lust, eine halbe Stunde auf einen Espresso zu warten. Nachdem ich das Dorf verlassen habe, passiere ich 15 Minuten später „Hannibals Grab“, ein Wacholdergebüsch, das im Aussehen dem Grab Hannibals ähneln soll. Woher man das weiß – haben die Römer doch in Karthago keinen Stein auf dem anderen gelassen –, frage ich mich im Weitergehen.
Wenig später, beim Denkmal für Alfred Wietjes, einen bekannten Heidewanderer der Wandervogelzeit, knickt der Weg um 90° nach Nordwesten, immer Undeloh zu, ab. Durch die Heide am Radenbach entlang komme ich nach Undeloh. Doch zuvor, nach einem kritischen Blick zum Himmel, mache ich auf einer der zahlreichen Bänke eine kleine Pause, um etwas zu trinken. Mein Handy pingt. Meine Unterkunft im Ortsteil Wesel teilt mit, es gebe heute Abend keine Küche. Gut, weiß ich das wenigstens. Die Anzahl der Spaziergänger nimmt rasant zu. Hatte ich auf den anderen Etappen vielleicht zehn oder maximal 15 Menschen getroffen, wenn man vom Lönsdenkmal absieht, kommt mir hier alle knapp 100 Meter jemand entgegen. Dachte ich bislang, Bispingen sei das touristische Epizentrum des Heidetourismus, wurde ich nun eines Besseren belehrt. Busparkplätze, unzählige Souvenirstände und Restaurationsbetriebe füllen den Ort. Die Anzahl der Gasthäuser hat auch einen Vorteil. Die Vielzahl der Kutschen, die für Heiderundfahrten zu mieten sind, scheinen Legende.
Aber die Vielzahl der Gasthäuser hat auch etwas Gutes. Zumal der Kirchturm gerade zwölf schlägt. Es dürfte doch auf der Karte sicher Heidschnuckenbraten geben? Bis Wesel sind es noch gut anderthalb Stunden Gehzeit, schätze ich. Weniger, wenn ich schneller gehe. Und keine Pause mehr mache. Ein Blick zum Himmel. Hält noch eine Weile, bin ich mir sicher. Also auf die Suche nach Schnuckenbraten gemacht. Was Warmes braucht der Mensch. Das Heidschnuckengulasch mit Salzkartoffeln und Apfelrotkraut war wirklich gut. So gestärkt mache ich mich kurz vor 13 Uhr auf den Weiterweg.
An einer Weide für Dülmener Pferde und eine rückgezüchtete Rinderart, die den Auerochsen ähneln soll, gehe ich nordwestwärts durch die Heide. Leider entdecke ich weder die Pferde noch die Rinder. Offenbar haben die keine Lust, mit mir in Kontakt zu treten. Um kurz vor halb drei bin ich in Wesel. Der Weg zur Pension ist schnell gefunden.
Nach einer Dusche mache ich mich auf, um etwas zu essen aufzutreiben. In Wesel gibt es zwar zwei Gasthöfe, einer hat dauerhaft geschlossen und der andere, in dem ich Quartier habe, hat Ruhetag. Was nun? Zum Glück habe ich vorher meine Portion komplett aufgegessen und bekomme morgen Frühstück, sinniere ich über mein Pech nach, als ich das Schild „Snackautomat“ entdecke. Hierbei habe ich auch gleich den morgigen Weiterweg entdeckt. Leider gibt es im Snackautomaten wirklich nur Snacks und kein Brot, Wurst oder Käse. Also müssen ein Snickers und eine kleine Tüte Chips für heute reichen. So bin ich heute früh im Quartier und lege mich halbwegs hungrig hin.
Heute bin ich in dreieinhalb Stunden reiner Gehzeit und fast 20 Kilometer Strecke mit insgesamt 170 Höhenmetern Anstieg samt einem kleinen Gipfelerfolg dem Zwischenziel Hamburg wieder nähergekommen.