Tag 51 – Undeloh-Wesel nach Holm-Seppensen

Besser ein ordentliches Frühstück, als hungrig loszugehen. Zumal ich gestern Abend ja kein Abendessen hatte. So gegen 10 Uhr komme ich los. Der Wetterbericht hat gegen Nachmittag Regen angekündigt. Aber es sollen nur etwa 18 Kilometer Wegstrecke sein. Diese sollten in gut vier Stunden, Pausen inkludiert, machbar sein. Außerdem wollte ich dem Heidschnuckenweg weitestgehend folgen, sodass kaum Zeit für die Wegfindung benötigt werden wird.

Die Straße nach Wehlen führt mich südwestwärts aus Wesel in Richtung Wehlen. Die Teerstraße hört bald auf und es folgt ein mit groben Kieseln gepflasterter Weg, der an einzelnen Bauern- und Reiterhöfen vorbei nach Wehlen führt. Zuerst wandere ich durch Felder und schließlich erreiche ich die Wehlener Heide, bevor ich im Wald verschwinde. Kurz vor dem Ortseingang Wehlen hängen an einem Wegweiser leere Flaschen und unmittelbar daneben steht ein blecherner Waschzuber. Ich bin neugierig, was es damit auf sich hat. Allerdings schaue ich an der Wegspinne zuerst einmal auf den Wegweiser. Wäre ich doch hier intuitiv nach Inzmühlen nordwärts abgebogen, muss aber noch ein paar Schritte westwärts.

Im Waschzuber liegen Flaschen in kühlem Wasser. Bier – auch alkoholfreies –, Wasser sowie diverse Softgetränke liegen hier für den durstigen Wanderer bereit. Ein Kästchen – wie auf den Blumenfeldern hier – steht hinter dem Zuber. Auch an ein Behältnis für leere Flaschen ist gedacht. Tolle Idee. Durst habe ich leider noch keinen, sonst hätte ich mir ein Fläschchen gegönnt.

In Wehlen, knapp 300 Meter weiter, muss ich nun endlich wieder nach Norden abbiegen, wie ein Schild nach Handeloh mit 8,0 Kilometern zeigt. Ich folge der unscheinbaren Seeve flussabwärts. Der Weg ist ein naturbelassener Pfad am linken Ufer. Irgendwann komme ich an einer der vielen Schutzhütten vorbei. Allerdings mache ich keine Pause, bin ich doch erst eine gute Stunde unterwegs und es ist noch kühl, da der Himmel bewölkt ist. Am Ufer stehen teilweise mächtige, weit ausladende Eichen. Ein zweiter Unterstand und wenig später komme ich an einen Rastplatz mit Tischen und Bänken. Zuerst bin ich überrascht, da dort, als ich aus dem Wald trete, ein dunkler Widder auf dem Tisch zu sitzen scheint. Aber er ist nur aus Holz. Kein Grund, sich zu fürchten.

Wenig später bin ich an einer eingleisigen Bahnlinie, der ich nordwärts bis nach Handeloh folge. Ein Zug kommt mir in dieser Zeit weder entgegen noch braust er an mir vorbei. Ich passiere den Bahnhof und denke mir, dass im Ort ein Café nicht verkehrt wäre. Leider finde ich keines, das offen hat, sodass ich beim lokalen Kaufmann, „Herrn Rewe“, einen Espresso nehme und mir Vitamine besorge. Ich folge der Hauptstraße ein Stück und biege in die Alte Dorfstraße ab. An einer Bank unter Bäumen mache ich Pause und führe meinem Körper die Vitamine zu.

Kaum habe ich mich nordwärts an der Feuerwehr vorbei aufgemacht, als mir eine Kindergartengruppe entgegenkommt. Alle Kinder tragen Eimerchen oder Körbe mit sich. Ich frage, was sie denn so gesammelt haben. Tannen- und Kiefernzapfen, Rinde und Äste sowie einen Pilz, aus dem sie Sachen basteln wollen, wird mir freudig erklärt. Scheint ihnen Spaß gemacht zu haben, draußen herumzustreunern.

Nun muss ich mich langsam entscheiden, will ich doch per Bahn nach Scheveningen zurück, da ich dort noch Quartier habe. Daher ist mein Rucksack auch leicht. Es sind nur Regenschutz und ein Liter Getränke drin. Wörne oder Holm-Seppensen, aber auf jeden Fall will ich am Pferdskopf (78 m) vorbei. Gut, dann wird es Holm-Seppensen mit seinem Bahnhof.

Das Wegenetz Richtung Pferdskopf wird enger. Und wie erwartet, der Wanderverkehr stärker. Ich komme durch das Büsenbachtal, eines der ältesten Schutzgebiete in der Heide, und erreiche wenig später den Pferdskopf, der einem Pferd oder dessen Kopf überhaupt nicht ähnelt. Zum „Gipfel“ muss ich vielleicht zwanzig Meter steil den Hang hinauf. Am höchsten Punkt ist ganz schön Trubel. Eine Schulklasse aus Hamburg macht ordentlich Rummel. Irgendwann ist es den Begleitern wohl zu viel und es ertönt eine Trillerpfeife mit dem Ruf: „Alle herkommen und einen Kreis bilden.“

Ich bin überrascht, wie gut das funktioniert. In wenigen Augenblicken sind alle da und bilden einen Kreis. Ob des Trubels mache ich mich schnell wieder auf und erreiche durch eine Wochenendhaussiedlung den Weg nach Holm. Vor Holm komme ich wieder an die Bahnlinie, die ich durch den Zwergentunnel – dieser ist lediglich 1,30 m hoch – unterquere. Aber mit Unterführungen dieser Art habe ich ja schon Erfahrung. Nur ist dieser besser vermauert und hat weniger Spinnweben als der beim letzten Mal. Wahrscheinlich wird er von den Schulkindern auf ihrem Weg zur Schule häufiger genutzt als der auf dem freien Feld.

Nun sind es noch wenige hundert Meter ostwärts entlang der Bahnlinie zum Bahnhof. Ich checke den Fahrplan und stelle fest, dass ich den Zug knapp verpassen werde, da er in fünf Minuten planmäßig fährt.

Egal, im Ort gibt es das Café „Köstlich“. Da kann ich bei einem Espresso und bestimmt einem leckeren Kuchen die Wartezeit vergnüglich verkürzen. Hoffe ich allerdings vergeblich, da das „Köstlich“ erst um 15 Uhr öffnet und ich die 14:05-Uhr-Bahn verpasst habe. Aber das „Eiscafé Carmellini“ bietet mir neben einem Espresso auch noch einen Eisbecher an. Ich vergesse ob des guten Eisbechers fast die Zeit und kurz vor drei Uhr springe ich auf und eile zum Bahnhof.

Ich bin noch pünktlich, aber die Bahn nicht. Sie hat 20 Minuten Verspätung, da der Gegenzug noch nicht durch ist. Egal, ich hole und ich bringe nichts. Dafür treffe ich Sebastian, einen polnischen Landschaftsgärtner, mit einem Sixpack Bier unter dem Arm. Es kommt, wie es kommen muss. Wir kommen ins Quatschen, obwohl sein Deutsch kaum besser als mein Polnisch ist. Wir kommen überein, dass wir noch schnell zusammen ein Bier trinken, da er Feierabend hat. Bis sein Zug nach Buchholz in zehn Minuten kommt, hat jeder seine Flasche leer.

Angetrunken und etwas für die deutsch-polnische Völkerverständigung getan – was will man mehr zum Abschluss des Wandertages?

Heute bin ich in dreieinhalb Stunden reiner Gehzeit und gut 17 Kilometern Strecke mit insgesamt 170 Höhenmetern Anstieg samt einem kleinen Gipfelerfolg dem Zwischenziel Hamburg wieder nähergekommen. Morgen noch von Holm-Seppensen – schöner Name – durch Buchholz und übermorgen bin ich in Hamburg. Das fällt mir auf der Bahnfahrt ein.

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